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Peru: Pontificia Universidad Católica del Perú

Vom 11.3. bis zum 12.4.13 war ich fünf Wochen an der Pontificia Universidad Católica del Perú, der Päbstlichen katholischen Universität von Peru mit Standort Lima. Dort habe ich als DAAD-Gastdozent gewirkt und im Departamento de Educatión viele Vorträge zu „E-Learning in Higher and Further Education“ gehalten. Über meine Aktivitäten und Eindrücke möchte ich in diesem Beitrag berichten:

Die Pontificia Universidad Católica del Perú (PUCP) ist eine private Einrichtung in kirchlicher Trägerschaft. D.h. auf der einen Seite muss sie alle ihre Kosten selber tragen, wirtschaftet aber auf der anderen Seite nicht Gewinn orientiert. Der Umsatz beträgt 200 M€ im Jahr, damit wird ein sehr schöner Campus von 414000 m^2 mit 380 Veranstaltungsräumen und 59 Laboren sowie 16 Kaffees, 4 Mensen, einem Sportplatz und einer Arztpraxis unterhalten. An der 1917 gegründeten PUCP studieren 22.000 Studierende, ein Drittel davon in einem der vielen Weiterbildungsstudiengänge. 2000 Dozierende und 2700 Mitarbeiter/Innen in Verwaltung und Technik kümmern sich darum, dass Bildung auf hohem Niveau angeboten wird. Die PUCP gehörte laut „QS World University Ranking“ im Jahre 2009 zu den 600 besten Universitäten der Welt und nimmt in Süd-Amerika damit einen Spitzenplatz ein. Im Vergleich dazu: Die Leibniz Universität Hannover liegt auf Platz 300-310.

Organisiert ist die PUCP in 10 Fakultäten und 14 Departments, womit aus deutscher Sicht die erste Besonderheit sichtbar wird. Während in den meisten deutschen Hochschulen die Fakultäten oder Fachbereiche sowohl für Forschung als auch für die Lehre zuständig sind, wird an der PUCP die Verantwortung geteilt: Die Fakultäten sind für die Lehre zuständig, sie evaluieren, welche Bildungsangebote am „Markt“ gefragt sind, sie schreiben die Curricular, sie organisieren die Dozierenden, den Stundenplan, die Räume, die Lernmaterialien, übernehmen die Imma- und Exmatrikulation und machen Werbung für die Studiengänge. Die Departments wiederum stellen die Lehrenden und sind für die Forschung zuständig. Die Idee die dahinter steckt hat mir gefallen. Die Fakultät kümmert sich um die Organisation, die Departments kümmern sich um das Wissen. Klar, die Darstellung die ich hier leiste ist idealisiert und in der Praxis ist die Arbeitsteilung öfters nachzujustieren. Das Ergebnis kann sich aber sehen lassen: Die Studierenden werden als Kunden behandelt und finden ein gut organisiertes und durchführbares Studium vor. Studiengebühren von 500-800 €/Monat fordern dies aber auch ein. Als Lehrbeauftragter werde ich im Wintersemester weitere Erfahrungen in dieser Struktur sammeln – im bin gespannt.

Eingeladen war ich vom Departamento de Educatión in dem 21 Dozierende in den Erziehungs- und Bildungswissenschaften tätig sind. Die Kollegen bedienen zwei grundständige und 17 aufbauende Studiengänge in der Entwicklungspsychologie, im Curriculum & in der Didaktik, in der Bildungspolitik & im -management, in der Bildung mit Informations- & Kommunikationstechnologien sowie Aus- & Weiterbildung von Lehrern. Unterstützt werden sie dabei von Lehrbeauftragten. Ein nettes Team die viel Spaß an der Lehre haben.

So gut wie die PUCP in der Lehre ist, so mäßig ist sie in der Forschung. Punktuell gibt es Leuchttürme, in der Fläche aber passiert nicht viel. Es fehlt hier an vielem: Zuerst an Erfahrungen – nur 1/5 der Kollegen ist promoviert – dann an Motivation – man identifiziert sich als Lehrender, nicht als Wissenschaftler – und zuletzt an einer finanziellen Förderung mit der größere Forschungsvorhaben realisiert werden können. Am ehesten orientieren sich die Kollegen in der Forschung an den spanischen Universitäten und promovieren oft dort aus der Ferne. Das scheint ein guter Ansatz zu sein, denn die großen spanischen Universitäten (z.B. UOC, UPV) sind Forschungs- und Lehrorientiert zugleich. Außerdem spricht man die gleiche Sprache, was den Spaniern den großen Süd-amerikanischen Bildungsmarkt leicht zugänglich macht. Wir haben für den Bereich „Bildung mit Informations- & Kommunikationstechnologien“ versucht eine Forschungsperspektive für das Department zu erarbeiten und gemeinsame Themen zu identifizieren, wobei ein für beide Seiten interessantes Thema gefasst werden konnte. Wenn das BMBF unseren Antrag statt gibt, dann werden wir daran gemeinsam arbeiten.

Äußerst begeistert war ich von der PUCP virtual, einer Serviceeinrichtung die für die Entwicklung von digitalen Lernmaterialien für die meisten Fakultäten zuständig ist. 45 Mitarbeiter/Innen kümmern sich dort um die äußerst professionelle Erstellung von digitalen Lernmaterialien. An einer Lerneinheit arbeiten Didaktiker, Designer, Web-Entwickler und Journalisten mit. Ein Traum, wenn ich denke, wie breit unsere Kollegen für solche Vorhaben aufgestellt sein müssen und das oft ganz alleine bewerkstelligen müssen. Inzwischen wurden 650 Lerneinheiten erstellt. So sehr ich dieses Angebot bewundere so sehr fällt aber auch auf, dass die PUCP eine starke Orientierung auf Lernmaterialien hat. Wie in der klassischen Fernlehre die Studienbriefe stehen sie im Vordergrund, nicht aber die persönliche Betreuung der Studierenden. Die immer wieder auftretende Frage, wie die Fernstudiengänge weiter verbessert werden können stand immer die gleiche Aussage von mir gegenüber: Ihr müsst eure Lehrenden besser in der Betreuung der Studierenden sowie in der eigentlichen Gestaltung des Lehr-/Lernprozesses qualifizieren. Das Bewusstsein dafür ist in der Zeit gewachsen, ich hatte aber den Eindruck, dass der natürliche Reflex dahingehend war, dass man lieber noch mehr in die Gestaltung der Lernmaterialien investieren möchte als in die Qualifizierung der Lehrenden. Vielleicht täusche ich mich aber auch.

Für mich waren es sehr bewegende Wochen, hab ich doch viel gelernt und mit sehr netten Kollegen zusammenarbeiten dürfen. Es war aber auch eine sehr anstrengende Zeit. Ständig bewegt man sich sprachlich zwischen Englisch, Spanisch und Deutsch. Außerdem ist neben den vielen Yo PUCPVorträgen und Meetings die Arbeit für die eigene Hochschule zu leisten. Trotzdem, ich hoffe unsere Kooperationen in Lehre und Forschung tragen Früchte und wir können diese weiter ausbauen.

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Lernen & Lehren Rezensionen

Günter Daniel Rey: E-Learning. Theorien, Gestaltungsempfehlungen und Forschung

Der Autor hat eine Monographie mit 230 Seiten vorgelegt, in der er das Thema „E-Learning“ beleuchtet. E-Learning wird dabei als das „Lernen mittels verschiedener elektronischer Medien“ definiert. Das Buch ist Studierenden, Praktikern, Lehrenden und Forschern gleichermaßen gewidmet.

Einleitend werden die Begriffe E-Learning und Multimedia definiert und auf die Eigenschaften Multimedialität, Multicodalität, Multimodalität und Interaktivität elektronischer Medien eingegangen. Hierauf aufbauend werden Forschungsprobleme benannt und von einer pauschal vergleichenden Forschung, die z.B. die Unterschiede in der Lernleistung zwischen Texten und Bildern untersucht, Abstand genommen. Im zweiten Kapitel werden einführend die der Mediendidaktik zugrundeliegenden Hauptströmungen Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus erläutert, um hierauf aufbauende u.a. die Cognitive Load Theory, das Rahmenmodell für Lernen mit Multimedia und das integrative Modell multimedialer Effekte beim Lernen zu erläutern. Das dritte Kapitel widmet sich der Gestaltung von (Hyper‑)Texten, Bildern, Animationen, Computersimulationen, Problem(löse-)aufgaben und die Berücksichtigung von Lernereigenschaften. Neben konkreten Gestaltungsempfehlungen – umfangreich mit wissenschaftlicher Literatur belegt – finden sich immer wieder auch offene Forschungsfrage, d.h. der Leser wird vielmals an den Rand der wissenschaftlichen Erkenntnis herangeführt. Das vierte Kapitel trägt die Überschrift „Forschung“ und gibt hierfür konkrete Handlungsanleitungen von der Findung der Forschungsfrage bis zur Berichtserstattung. Das Buch schließt mit dem Kapitel „Ausblick“ in dem die Forschungsfelder „Adaptive Lernumgebungen“, „Kollaborative Lernumgebungen“ und „Digitale Lernspiele“ vorgestellt werden.

Rey besticht durch eine transparente Darstellung der Inhalte und eine klare Sprache. Dies macht die Arbeit nicht nur zu einem soliden Lehrbuch für Studierende, sondern auch zu einem Nachschlagewerk für den Praktiker. Der Fokus auf die Erstellung von multimedialen Lerneinheiten lässt jedoch u.a. intrapersonale Prozesse zwischen Lernenden und Lehrenden außen vor. Das Werk richtet sich deswegen weniger an Lehrende, die z.B. mittels WikiWiki-Webs kooperative Lernumgebungen gestalten, sondern viel mehr an (zukünftigen) Autoren von multimedialen Lerneinheiten sowie jene, die diese auf ihre Qualität und Eignung hin bewerten müssen. Abschließend sei darauf hingewiesen, dass große Teile des Buches als multimediale Lerneinheit im Internet frei zugänglich sind: www.elearning-psychologie.de

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Paraguay: Universidad Catolica Nuestra Señora de la Asunción

Vom 28.2. bis zum 18.3. hatte ich eine Dienstreise der besonderen Art: Ich war an der „Universidad Catolica Nuestra Señora de la Asunción“ in Paraguay, im folgenden UC abgekürzt. Die Reise war Teil einer Anbahnungsmaßnahme für die bilaterale Kooperation in Forschung und Technologie mit dem Schwerpunkt Further Education und E-Learning, gefördert vom Internationalen Büro des BMBF. Die Zeit vor Ort war dicht gepackt mit dem Kennenlernen von Entscheidungsträgern (Präsident, Dekane, Institutsleiter), mit Vorträgen über die Mehrwerte von digitalen Medien in der Lehre sowie mit Diskussionen über mögliche Kooperationsinhalte und -ebenen. Ohne hier die lange Vorgeschichte zu erzählen sowie einen vollständigen Bericht über den Aufenthalt abzuliefern, hier meine Eindrücke zu Bildungsfragen:

  • Paraguay (6,4 Millionen Einwohner) hat in den letzten Jahren ein sehr gutes Wirtschaftswachstum von 7-10 %/Jahr hingelegt. Es wird im Fahrwasser von Brasilien mitgezogen, welches sich schon seit vielen Jahren wirtschaftlich stark entwickelt. Entsprechend steigt der Lebensstandard in Paraguay, es werden Fabriken aufgebaut und es wird exportiert. Das bedarf immer mehr gut ausgebildeten Nachwuchs, den das Land nicht hat. Es herrscht folglich ein Akademikermangel, den es zu begegnen gilt. Entsprechend hat sich die Zahl der Universitäten in den letzten 10 Jahren von 2 auf 20 verzehnfacht. Zum Teil sind es Universitäten, die aus dem Land heraus gegründet wurden, zum anderen Teil aber auch Universitäten, die aus den USA und Spanien kommen.
  • Universitäten sind überwiegend privat: In Paraguay gibt es nur eine öffentlich finanzierte Universität in der auch Forschung betrieben wird. Das ist die Universidad Nacional de Asunción. Alle weiteren Hochschulen sind privat oder wie im Fall der UC in kirchlicher Trägerschaft. Ob privat, kirchlich oder staatlich, ohne Studiengebühren geht es nicht. Für eine gute Universität sind 200 US$/Monat üblich, billigere Universitäten (die vom Niveau den Titel eigentlich nicht mehr verdienen) nehmen immerhin noch 70 US$/Monat. Die Finanzierung der Hochschulen ist somit entweder  selbsttragend oder gewinnorientiert.
  • Hochschullehrer an der UC verdienen Vollzeit ca. 1000 US$/Monat. Damit kann man in Paraguay leben, seine Kinder aber keineswegs auf eine Universität schicken. Dementsprechend arbeiten fast alle Lehrenden halbtags an der Universität, die andere Hälfte sind sie selbständig. Hier der monatlich – mehr oder minder – regelmäßige Geldfluss, dort die Möglichkeit mit Geschäften mehr Geld zu verdienen.
  • Distance Education hat in Paraguay eine hohe Akzeptanz: Ein Teil der Hochschulangehörigen hat ihre weiterführende Qualifikation (Master, Promotion) über diesem Wege erworben. Entweder in den USA oder in Spanien.

Vor diesen Hintergründen, die sich von unserem Bildungsgeschehen stark unterscheiden, bekommen Further Education und E-Learning einen ganz anderen Stellenwert. Dem Mangel an Akademikern muss über den Ausbau der Bildungskapazitäten, aber auch über die Weiterbildung des bestehenden Personals, begegnet werden. Da hierfür nur bedingt Geld vorhanden ist – das scheint sich von dt. Bildungssystem nicht zu unterscheiden 😉 – müssen Lösungen her, die kostengünstig sind.

Distance Education ist hierfür eine Lösung. Es spart an zwei Stellen finanzielle Ressourcen ein: A) Es müssen weniger Immobilien vorgehalten werden und B) es können auch Menschen aus dem Umland studieren, die kein Geld für das Leben am Studienort haben. Letzteres ist in einem Flächenland wie Paraguay ein sehr gewichtiges Argument. Denn wer sein gesellschaftliches Umfeld verlassen muss ist mit vielen Mehrkosten konfrontiert, die er Zuhause nicht hat, z.B. Unterkunft, Essen sowie Arbeitsausfall im familiären Betrieb.

Stellt man für E-Learning nicht den Anspruch an die IT-Infrastruktur, HD-Streaming in Echtzeit zu leisten, kann diese als hinreichend gewertet werden. Jede kleine Ortschaft hat heute ein gut funktionierendes Mobilfunknetz, welches auch den Internetzugang gewährleistet. Wer ganz weit auf dem Land wohnt, dem bleibt nur der Aufbau einer Richtfunkstrecke oder die Fahrt in den nächsten Ort. Grundsätzlich ist E-Learning also möglich.

Das sehen die Entscheidungsträger in den Hochschulen auch so. Einige private Universitäten haben bereits Studiengänge im Angebot (z.B. die Universidad Autónoma de Asunción), die UC steht da in den Startlöchern. Die Schwierigkeiten, die es zu meistern gilt, sind jedoch nicht von der Hand zu weisen. Es scheint, dass besonders die Lehrenden mit dieser Art der Lehre nicht klar kommen. Gründe sind einerseits in der mangelnden didaktischen Qualifizierung zu suchen, andererseits in den Einstellungen der Lehrenden. Meine Aufenthaltsdauer vor Ort war aber einfach zu kurz, um hier umfangreiche und verlässliche Erkenntnisse liefern zu können.

Darüber hinaus ist zu beobachten, dass US-amerikanische und spanische Universitäten versuchen den Bildungsmarkt zu erschließen. Hierfür verwenden sie natürlich E-Learning und es ist zu erwarten, dass sie das passende Know-how haben, um mit den Lerntechnologien auch erfolgreiche Bildungsangebote zu erarbeiten.

All diese Beobachtungen stärken meine Gedanken, die ich schon in einen älteren Blogbeitrag formuliert habe: Was ist, wenn „ein MBA-Studium aus Oxford, ein Englischstudium aus Indien oder ein Mathematikstudium aus Russland die Bildungsangebote deutscher Schulen und Hochschulen tangieren?“ Entwickelt sich dort abseits unserer Aufmerksamkeit mit digitalen Medien eine neue Hochschullandschaft, die uns irgendwann tangiert?

Wie wird es weiter gehen? Wir haben mit der UC einige mögliche Kooperationsinhalte und -ebenen besprochen. Die gilt es derzeit weiter auszuloten, d.h. wir sind auf der Suche nach einem Projektträger, damit wir unsere Vorhaben umsetzen können. Primär soll es hierbei um den Know-how-Transfer in der Medien- und Hochschuldidaktik von der Leibniz Universität Hannover zur UC gehen. Darüber hinaus bin ich gerne auch Ansprechpartner für jeden, der Interesse an der Zusammenarbeit mit der UC hat.