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Paraguay: Universidad Catolica Nuestra Señora de la Asunción

Vom 28.2. bis zum 18.3. hatte ich eine Dienstreise der besonderen Art: Ich war an der „Universidad Catolica Nuestra Señora de la Asunción“ in Paraguay, im folgenden UC abgekürzt. Die Reise war Teil einer Anbahnungsmaßnahme für die bilaterale Kooperation in Forschung und Technologie mit dem Schwerpunkt Further Education und E-Learning, gefördert vom Internationalen Büro des BMBF. Die Zeit vor Ort war dicht gepackt mit dem Kennenlernen von Entscheidungsträgern (Präsident, Dekane, Institutsleiter), mit Vorträgen über die Mehrwerte von digitalen Medien in der Lehre sowie mit Diskussionen über mögliche Kooperationsinhalte und -ebenen. Ohne hier die lange Vorgeschichte zu erzählen sowie einen vollständigen Bericht über den Aufenthalt abzuliefern, hier meine Eindrücke zu Bildungsfragen:

  • Paraguay (6,4 Millionen Einwohner) hat in den letzten Jahren ein sehr gutes Wirtschaftswachstum von 7-10 %/Jahr hingelegt. Es wird im Fahrwasser von Brasilien mitgezogen, welches sich schon seit vielen Jahren wirtschaftlich stark entwickelt. Entsprechend steigt der Lebensstandard in Paraguay, es werden Fabriken aufgebaut und es wird exportiert. Das bedarf immer mehr gut ausgebildeten Nachwuchs, den das Land nicht hat. Es herrscht folglich ein Akademikermangel, den es zu begegnen gilt. Entsprechend hat sich die Zahl der Universitäten in den letzten 10 Jahren von 2 auf 20 verzehnfacht. Zum Teil sind es Universitäten, die aus dem Land heraus gegründet wurden, zum anderen Teil aber auch Universitäten, die aus den USA und Spanien kommen.
  • Universitäten sind überwiegend privat: In Paraguay gibt es nur eine öffentlich finanzierte Universität in der auch Forschung betrieben wird. Das ist die Universidad Nacional de Asunción. Alle weiteren Hochschulen sind privat oder wie im Fall der UC in kirchlicher Trägerschaft. Ob privat, kirchlich oder staatlich, ohne Studiengebühren geht es nicht. Für eine gute Universität sind 200 US$/Monat üblich, billigere Universitäten (die vom Niveau den Titel eigentlich nicht mehr verdienen) nehmen immerhin noch 70 US$/Monat. Die Finanzierung der Hochschulen ist somit entweder  selbsttragend oder gewinnorientiert.
  • Hochschullehrer an der UC verdienen Vollzeit ca. 1000 US$/Monat. Damit kann man in Paraguay leben, seine Kinder aber keineswegs auf eine Universität schicken. Dementsprechend arbeiten fast alle Lehrenden halbtags an der Universität, die andere Hälfte sind sie selbständig. Hier der monatlich – mehr oder minder – regelmäßige Geldfluss, dort die Möglichkeit mit Geschäften mehr Geld zu verdienen.
  • Distance Education hat in Paraguay eine hohe Akzeptanz: Ein Teil der Hochschulangehörigen hat ihre weiterführende Qualifikation (Master, Promotion) über diesem Wege erworben. Entweder in den USA oder in Spanien.

Vor diesen Hintergründen, die sich von unserem Bildungsgeschehen stark unterscheiden, bekommen Further Education und E-Learning einen ganz anderen Stellenwert. Dem Mangel an Akademikern muss über den Ausbau der Bildungskapazitäten, aber auch über die Weiterbildung des bestehenden Personals, begegnet werden. Da hierfür nur bedingt Geld vorhanden ist – das scheint sich von dt. Bildungssystem nicht zu unterscheiden 😉 – müssen Lösungen her, die kostengünstig sind.

Distance Education ist hierfür eine Lösung. Es spart an zwei Stellen finanzielle Ressourcen ein: A) Es müssen weniger Immobilien vorgehalten werden und B) es können auch Menschen aus dem Umland studieren, die kein Geld für das Leben am Studienort haben. Letzteres ist in einem Flächenland wie Paraguay ein sehr gewichtiges Argument. Denn wer sein gesellschaftliches Umfeld verlassen muss ist mit vielen Mehrkosten konfrontiert, die er Zuhause nicht hat, z.B. Unterkunft, Essen sowie Arbeitsausfall im familiären Betrieb.

Stellt man für E-Learning nicht den Anspruch an die IT-Infrastruktur, HD-Streaming in Echtzeit zu leisten, kann diese als hinreichend gewertet werden. Jede kleine Ortschaft hat heute ein gut funktionierendes Mobilfunknetz, welches auch den Internetzugang gewährleistet. Wer ganz weit auf dem Land wohnt, dem bleibt nur der Aufbau einer Richtfunkstrecke oder die Fahrt in den nächsten Ort. Grundsätzlich ist E-Learning also möglich.

Das sehen die Entscheidungsträger in den Hochschulen auch so. Einige private Universitäten haben bereits Studiengänge im Angebot (z.B. die Universidad Autónoma de Asunción), die UC steht da in den Startlöchern. Die Schwierigkeiten, die es zu meistern gilt, sind jedoch nicht von der Hand zu weisen. Es scheint, dass besonders die Lehrenden mit dieser Art der Lehre nicht klar kommen. Gründe sind einerseits in der mangelnden didaktischen Qualifizierung zu suchen, andererseits in den Einstellungen der Lehrenden. Meine Aufenthaltsdauer vor Ort war aber einfach zu kurz, um hier umfangreiche und verlässliche Erkenntnisse liefern zu können.

Darüber hinaus ist zu beobachten, dass US-amerikanische und spanische Universitäten versuchen den Bildungsmarkt zu erschließen. Hierfür verwenden sie natürlich E-Learning und es ist zu erwarten, dass sie das passende Know-how haben, um mit den Lerntechnologien auch erfolgreiche Bildungsangebote zu erarbeiten.

All diese Beobachtungen stärken meine Gedanken, die ich schon in einen älteren Blogbeitrag formuliert habe: Was ist, wenn „ein MBA-Studium aus Oxford, ein Englischstudium aus Indien oder ein Mathematikstudium aus Russland die Bildungsangebote deutscher Schulen und Hochschulen tangieren?“ Entwickelt sich dort abseits unserer Aufmerksamkeit mit digitalen Medien eine neue Hochschullandschaft, die uns irgendwann tangiert?

Wie wird es weiter gehen? Wir haben mit der UC einige mögliche Kooperationsinhalte und -ebenen besprochen. Die gilt es derzeit weiter auszuloten, d.h. wir sind auf der Suche nach einem Projektträger, damit wir unsere Vorhaben umsetzen können. Primär soll es hierbei um den Know-how-Transfer in der Medien- und Hochschuldidaktik von der Leibniz Universität Hannover zur UC gehen. Darüber hinaus bin ich gerne auch Ansprechpartner für jeden, der Interesse an der Zusammenarbeit mit der UC hat.

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