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DBR: Warum Design-based Research?

Ich habe im Rahmen meiner Promotion ein Lernszenario entwickelt, welches das Medium Vorlesungsaufzeichnung (oder auch e-Lecture, d-Lecture, Lecture Recording, …) in eine möglichst selbstgesteuerte und kooperative Lernumwelt einbettet. Dieses Lernszenario heißt VideoLern (auf den Seiten Podcasts und Publikationen finden sich mehr Informationen). Am Anfang meiner Forschungsarbeit stand ich jedoch vor einem erheblichem Problem: Die klassische pädagogische Forschung sah eine wissenschaftlich fundierte Entwicklung entsprechender Lernszenarien nicht vor. Die Diskussion um mein Vorhaben drehte sich im Kreis: Ja, das ist ein nobles Vorhaben. Nein, das ist keine wissenschaftliche Fragestellung, denn Sie erforschen keine grundsätzlichen Fragen von Lehren und Lernen. Damit schien mein Vorhaben gescheitert.

Für mich war diese Haltung nicht nachvollziehbar, denn wenn sich pädagogische Forschung nicht der Lösung alltäglicher Bildungsprobleme widmen darf, was ist dann mit den Ingenieurswissenschaften oder der Medizin? Viele Arbeiten schöpfen dort ihre Forschungsfragen ja auch aus der Gegenwart: Wie gestaltet man energiesparende Prozessoren oder was sind die Ursachen für Alzheimer und wie begegnet man dieser Krankheit. Wissenschaftlichkeit wird hier daran gemessen, ob wissenschaftliche Methoden die Forschungsarbeit nachvollziehbar belegen und nicht daran, ob sie scheinbar grundlegende Fragen ihrer Disziplin klären.

Klar, das gibt es auch, macht aber eher einen kleinen Teil der Forschungsarbeiten aus. Darüber hinaus werden diese Fragen oft von Grundlagenwissenschaften geklärt, auf die diese Wissenschaften aufbauen. Für die Ingenieurswissenschaften sind das die Mathematik und die Physik, für die Medizin die Naturwissenschaften. Dies wirft für mich die Frage auf, was ist die Pädagogik? Aus meiner Sicht eindeutig eine sekundäre, d.h. verwertende Wissenschaft, die auf die Erkenntnisse der Psychologie und der Philosophie aufbaut. Gilt dann analog, dass alltägliche Problemstellungen auf Basis der Grundlagenwissenschaften geklärt werden können oder gar müssen?

Ich möchte diese Diskussion hier nicht weiter ausführen, sondern auf den Sammelband von Gabi Reinmann und Jochim Kahlert verweisen, die mit anderen renommierten Kollegen (Heinz Mandl, Robin Stark, Rolf Arnold, Ewald Kiel, Dieter Euler, …) diese und weitere Fragen diskutiert haben. Letzten Endes half mir mein Kollege Christoph Richter weiter, der sich als Psychologe mit der Fragestellung beschäftigte, was eigentlich geeignete Forschungsmethoden für die vielen MWK, BMBF und EU geförderten eLearning-Projekte sind. Er erklärte mir, dass Design-based Research (DBR) ein wissenschaftlicher Ansatz ist, mit dem Lernszenarien entwickelt werden können.

Hierfür betrachten die Vertreter des DBR-Ansatzes die Ergebnisse der grundlagenwissenschaftlichen Forschung in einem komplexen Wechselspiel des praktischen Unterrichts. Aus einem wissenschaftlichen Erkenntnisstand heraus sind die Lernszenarien zu gestalten (zu designen) und in der Praxis zu überprüfen. Das bedeutet, dass das Design eines Lernszenarios in einem Design-Experiment überführt wird. In Phasen von Design und Re-Design wird dann das didaktische Design Schritt-für-Schritt von Unzulänglichkeiten „befreit“.

Endgültiges Ziel ist es so genannte Design-Frameworks – ich habe es als Handlungsanleitungen für die Lehrenden interpretiert – herauszuarbeiten, anhand dessen das Lernszenario durchgeführt werden kann. Grundsätzlich finden sich inzwischen mehrere Forschungsarbeiten, die auf den DBR-Ansatz aufbauen. International kann eine Verbreitung dieses Ansatzes konstatiert werden, national scheinen sich unterschiedliche Fachdidaktiken sowie die Mediendidaktik dem DBR zu nähern. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der DBR-Ansatz sich für die Entwicklung des Lernszenarios VideoLern gut bewährt hat.

Auch wenn ich mit dem Ergebnis zufrieden bin, wirft der DBR-Ansatz für mich jedoch noch viele forschungsmethodische Fragen auf. Hierzu dann in einem späteren Beitrag mehr.

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