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Video Literacy & Videos annotieren

Seit Verbreitung des Films zum Ende des 19. Jahrhunderts durch die Erfindung des Cinematographen hat dieser viele Evolutionen durchlaufen: 1927 wurde der erste Tonfilm angeboten, 1937 fand der Farbfilm den Weg in die Öffentlichkeit, ab Ende der 1960er Jahre verbreitete sich der Fernseher in der Bevölkerung. Während die Bevölkerung Anfangs nur wenige öffentlich-rechtliche Sender empfangen konnte wurde die Vielfalt durch private Fernsehsender ab 1984 vervielfacht. Zeitgleich fand der Videorecorder Verbreitung und ermöglichte es erstmals selbst zu wählen, wann und was für Filme gesehen werden. Ab Mitte der 2000er Jahre breitete sich das Video im Internet aus. Dies führte zu einer nicht gekannten Auswahl an Videos, denn während sich vorher alles um die zentrale Distribution von Filmen drehte, konnte auf einmal jeder ein Video im Internet publizieren und weltweit zugänglich machen. Das Equipment dafür lieferte das Jahrtausend gleich mit: Quasi jeder hat einen Computer und Zugang zum Internet. Mobilfunktelefone liefern schon im mittleren Preissegment für viele Zwecke verwertbare Videoaufnahmen.

Warum bediene ich mich solch eines technisch-historischen Einstiegs? Ich möchte auf die grundsätzlich veränderte Rolle des Films in unser Gegenwart aufmerksam machen: Während ich in meiner Jugend das Fernsehen, das Kino und den “Film in Wissenschaft und Unterricht” als ausschließliche Quelle des Films kennengelernt habe, sind unsere Studierenden heute anders Medien-sozialisiert. Neben dem Film als künstlerisches oder journalistisches Produkt, welches dem Konsum, der Information oder dem rezeptiven Lernen dient, sind sie mit der Möglichkeit groß geworden, selber Videos zu produzieren und zu publizieren. Die Liste ihrer Produkte ist lang: Sportliche Leistungen werden gefilmt und für dessen Nachahmung analysiert, Videos über Stricken zeigen die neusten Maschen und Mofatuning-Anleitungen finden sich im Internet genauso wie politische Diskussionen von schulischen Gruppen über aktuelle Ereignisse.

Das Video hält oft jene Ereignisse einfach fest, die Schrift-sprachlich aufwändig aufbereitet werden müssten. Außerdem ist ein Video authentisch, einfach nachzuvollziehen und transportiert Emotionen. Es ist eine Möglichkeit die Welt zu beschreiben, wie sie ist, wie sie war und wie sie sein könnte. Neben Rechnen und Lesen gilt für mich das Produzieren und Rezipieren von Videos heute als Kulturtechnik im weiterem Sinne. Frank Vohle hat hierfür den Begriff „video literacy“ vorgeschlagen, der gefällt mir.

Was umfasst solch eine „video literacy“? Hier könnte man sich den klassischen Taxonomien der Mediendidaktik bedienen, z.B. Baake. Ich will es aber bei den zwei schon geschriebenen Dimensionen belassen: a) Produzent: Ich kann einen Sachverhalt so in Szene setzen, produzieren und publizieren, dass die Intention sich bei meiner Zielgruppe (Rezipienten des Videos) entfalten kann. b) Rezipient: Ich kann die videographierte Darstellungsform (im Sinne einer Filmsprache) auf ihre Intention hin deuten und mich mit dem Video alleine oder mit anderen auseinandersetzen.

Wie eine kritische Auseinandersetzung mit Videos in der Lehre aussehen kann, damit beschäftigen wir uns gerade mit den Ghosttinkern. Denn die für eine gute Interpretation notwendige Diskussion über ein Video ist deutlich mühseliger als über mathematische oder Schrift-sprachliche Dokumente. Jede Rechnung auf einem Blatt Papier kann einfach nachvollzogen, annotiert und/oder korrigiert werden. Texte können nach dem gleichen Verfahren von Studierenden Zuhause gelesen und für die Diskussion aufbereitet werden. Videos hingegen lassen sich gewöhnlich nicht annotieren. Die einzige Möglichkeit ist es sich Zeitmarken herauszuschreiben und diese wieder aufzurufen. Deswegen setzen wir edu|break von den Ghostthinkern ein um Studierenden die Möglichkeit zu geben, intensiv mit Annotationen über ein Video diskutieren zu können. Ziel ist es so Lerninhalte aus Videos einerseits besser erschließen zu können, andererseits bei den Studierenden eine „video literacy“ zu fördern, die den Anforderungen der digitalen Wissensgesellschaft gerecht wird. Die ersten Erfahrungen damit fassen wir gerade in einen GMW Beitrag zusammen.

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Rolf Schulmeister / Christiane Metzger: Die Workload im Bachelor: Zeitbudget und Studienverhalten. Eine empirische Studie

Rolf Schulmeister und Christiane Metzger sammeln in ihrem Band Aufsätze, die sowohl die methodische Diskussion und Ausgestaltung als auch die Befunde der Studie „zeitLAST“ wiedergeben. Ziel der Studie war es den Aufwand des Bachelor-Studiums in den unterschiedlichsten Studiengängen, z.B. Lehramt für berufsbildende Schulen, Kulturwissenschaften, Medientechnik/-pädagogik, Betriebswirtschaftslehre, Mathematik und Ingenieurswissenschaften zu erfassen. Es galt die These zu belegen, dass es durch die Umstrukturierung auf das Bachelor-Studium „zu drastisch gestiegenen Abbrecherquoten und einer verstärkten Nachfrage nach Studien- und psychologischer Beratung“ kam. Hierfür wurden in 18 Stichproben mit 403 Studierenden über einem Zeitraum von 5 Monaten Zeitbudget-Analysen, Befragungen, Interviews und Zeitmanagement-Seminare durchgeführt. Der zeitliche Aufwand des Bachelor-Studiums wurde so detailliert erfasst. Insgesamt wurden 61.091 Tage, 300.000 Einträge und 1.466.184 Stunden erfasste Lernzeit ausgewertet.

Der Sammelband fasst auf 360 Seiten elf Beiträge. Neben den Herausgebern äußern sich Lena Groß, Mai-Anh Boger, Heidi Krömker, Kristina Henne, Katja Hoffmann, Cindy Mayas, Erwin Wagner, Dennis Holsberg und Kirsten König zur durchgeführten Studie. Das Werk ist in vier Abschnitte unterteilt: I. Empirische Untersuchungen […]. II. Befragungen. III. Didaktische Überlegungen und Konsequenzen. IV. Beschreibung der untersuchten Studiengänge. Dabei beschränken sich die Autoren keinesfalls auf die Darstellung der Studie sondern sprechen auch Empfehlungen für eine andere Strukturierung der Studiengänge aus. Denn grundsätzlich kommen sie zu dem Schluss, dass die zeitliche Belastung der Studierenden deutlich geringer ist, als die im Rahmen der Bologna-Vorgaben veranschlagten 40 Zeitstunden pro Woche. Diese und weitere Befunde werden dahingehend interpretiert, dass das Selbststudium vernachlässigt wird und der häufige Fächerwechsel, sowie der damit verbundenen vielen Prüfungsereignisse, Stress und eine hohe empfundene Arbeitsbelastung bei den Studierenden auslösen. Entsprechend wird eine Ausgestaltung der Studiengänge empfohlen, die einerseits durch Blockveranstaltungen das häufige Fächerwechseln reduziert, andererseits die Einbindung von Selbstlernphasen besser ermöglicht. Je nach Befunden und der Struktur der untersuchten Studiengänge werden auch spezifischere Empfehlungen ausgesprochen.

Die Ausführungen der Wissenschaftler lesen sich spannend, die Studie ist klar dargestellt, die Argumentationen und Rückschlüsse sind gut nachvollziehbar. Die Bedeutsamkeit des Themas macht dieses Buch zu einem Muss für jeden, der in der Hochschullehre tätig ist. Besonders hervorzuheben ist dabei die umfangreiche Diskussion und Darstellung der Forschungsmethode zur Erfassung der Lernzeit.

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ZEITLast: 23 Zeitstunden Studium pro Woche?

Wir hatten am 6.5.11 die Ehre Prof. Rolf Schulmeister auf unserer Tagung „Gute Lehre, gutes Lernen“ zu Gast zu haben. Seine Anwesenheit war mit einer spannenden Keynote über das Thema „ZEITLast“ gekrönt. Schulmeister hat dort ausgiebig über die Ergebnisse jener BMBF-Studie berichtet, welche die tatsächliche zeitliche Inanspruchnahme des Studiums bei Studierenden erfasst hat. Die vielen interessanten Ergebnisse der Studie werden von einem zentralen Ergebnis überschattet: Gemäß der Studie studieren unsere Studenten im Schnitt 23 Zeitstunden pro Woche – deutlich weniger als vermutet. Mehr Infos zur Studie finden sich hier:

Schulmeisters Beitrag hat mir sehr gut gefallen, schließlich ist er ein toller Redner und die Offenlegung der Forschungsmethode schafft Übersicht. Die tägliche und dedizierte Erfassung der Lernzeit bei den Studierenden lässt auf ein solides Forschungshandwerk schließen. Ich vertraue folglich den vorgelegten Ergebnissen, zumal mir die Probleme der Studienzeiterfassung bei Studierenden aus eigenen Untersuchungen bekannt sind.

Ich möchte in diesem Beitrag aber nicht die Studie von Prof. Rolf Schulmeister, Christiane Metzger und weiteren Forschern wiedergeben, sondern danach fragen, was heißt es eigentlich 23 Zeitstunden pro Woche zu studieren? Ist studieren nur ein Halbtagsjob mit viel Freizeit?

Die Studie selbst zeigt sehr deutlich, dass unsere Studierenden das Studium als aufwändiger als 23 Zeitstunden pro Woche empfinden. Konfrontiert mit ihrer eigenen Lernzeiterfassung sind sie irritiert, da sie intuitiv deutlich mehr Zeit angegeben hätten (das ist im Übrigen jene Lernzeit, die von anderen Studien oft erfasst wird). Sie empfinden das Studium als Belastung, ja mintunter als äußerst stressig.

Denke ich an meine eigene Studienzeit, die ich ebenfalls durchaus als anstrengend empfunden habe, erinnere ich mich an einen Tag im zweiten Semester an dem wir 8 Unterrichtsstunden in Folge eine Mathematikvorlesung hatten. Das sind reell 6 Zeitstunden. Ich kann von mir und meinen Kommilitonen berichten: Danach geht nichts mehr. Bereits der vorletzte Vorlesungsblock ist mühselig, es bedarf einer äußersten Anstrengung den Ausführungen des Lehrenden zu folgen. Nach solch einem Tag haben wir nicht mehr gelernt.

Es scheint folglich so zu sein, dass die kognitive Belastung beim Lernen eine andere ist als einer routinierten Tätigkeit nachzugehen, ähnlich wie das Fliegen eines Überschallkampfflugzeugs oder das Unterrichten in der Schule. Denn beim Lernen müssen kognitive Strukturen verändert werden. Die Schlafforschung gibt uns Hinweise dazu, dass bei Lernenden im Säuglingsalter, aber auch bei Erwachsenen, Höchstarbeit geleistet wird.

Für mich stellen sich folglich andere Fragen: Was ist die kognitive Belastung, die Studierende ertragen? Führt diese zu nachhaltigem Lernen? Wie können wir die kognitive Belastung ggf. reduzieren – möglichst ohne auf Lernziele zu verzichten. Was heißt dies für die Lehre an einer Hochschule? Ein schlichter Vergleich der 23 Zeitstunden Lernzeit pro Woche mit einer tariflichen 40 Stundenwoche halte ich deswegen für abwegig.

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Lernen & Lehren Rezensionen

Günter Daniel Rey: E-Learning. Theorien, Gestaltungsempfehlungen und Forschung

Der Autor hat eine Monographie mit 230 Seiten vorgelegt, in der er das Thema „E-Learning“ beleuchtet. E-Learning wird dabei als das „Lernen mittels verschiedener elektronischer Medien“ definiert. Das Buch ist Studierenden, Praktikern, Lehrenden und Forschern gleichermaßen gewidmet.

Einleitend werden die Begriffe E-Learning und Multimedia definiert und auf die Eigenschaften Multimedialität, Multicodalität, Multimodalität und Interaktivität elektronischer Medien eingegangen. Hierauf aufbauend werden Forschungsprobleme benannt und von einer pauschal vergleichenden Forschung, die z.B. die Unterschiede in der Lernleistung zwischen Texten und Bildern untersucht, Abstand genommen. Im zweiten Kapitel werden einführend die der Mediendidaktik zugrundeliegenden Hauptströmungen Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus erläutert, um hierauf aufbauende u.a. die Cognitive Load Theory, das Rahmenmodell für Lernen mit Multimedia und das integrative Modell multimedialer Effekte beim Lernen zu erläutern. Das dritte Kapitel widmet sich der Gestaltung von (Hyper‑)Texten, Bildern, Animationen, Computersimulationen, Problem(löse-)aufgaben und die Berücksichtigung von Lernereigenschaften. Neben konkreten Gestaltungsempfehlungen – umfangreich mit wissenschaftlicher Literatur belegt – finden sich immer wieder auch offene Forschungsfrage, d.h. der Leser wird vielmals an den Rand der wissenschaftlichen Erkenntnis herangeführt. Das vierte Kapitel trägt die Überschrift „Forschung“ und gibt hierfür konkrete Handlungsanleitungen von der Findung der Forschungsfrage bis zur Berichtserstattung. Das Buch schließt mit dem Kapitel „Ausblick“ in dem die Forschungsfelder „Adaptive Lernumgebungen“, „Kollaborative Lernumgebungen“ und „Digitale Lernspiele“ vorgestellt werden.

Rey besticht durch eine transparente Darstellung der Inhalte und eine klare Sprache. Dies macht die Arbeit nicht nur zu einem soliden Lehrbuch für Studierende, sondern auch zu einem Nachschlagewerk für den Praktiker. Der Fokus auf die Erstellung von multimedialen Lerneinheiten lässt jedoch u.a. intrapersonale Prozesse zwischen Lernenden und Lehrenden außen vor. Das Werk richtet sich deswegen weniger an Lehrende, die z.B. mittels WikiWiki-Webs kooperative Lernumgebungen gestalten, sondern viel mehr an (zukünftigen) Autoren von multimedialen Lerneinheiten sowie jene, die diese auf ihre Qualität und Eignung hin bewerten müssen. Abschließend sei darauf hingewiesen, dass große Teile des Buches als multimediale Lerneinheit im Internet frei zugänglich sind: www.elearning-psychologie.de

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Forschen Infos

Pre-Print „Der Mehrwert von Vorlesungsaufzeichnungen als Ergänzungsangebot zur Vorlesung“

Click für Demo

Dem Einen oder dem Anderen habe ich sich schon von unserer Erhebung aus dem SoSe 2010 erzählt. Dort haben wir bei über 600 Studierenden und 10 Lehrenden in ebenso vielen Lehrveranstaltungen eine Studie durchgeführt, die den Mehrwert von Vorlesungsaufzeichnungen als Ergänzungsangebot zur Vorlesung erfasste.

In diesem Post stellen wir nun den Pre-Print (click zum Download) unserer Studie bereit. Die hier veröffentlichten Inhalte sind vorläufige Evaluationsergebnisse, denn derzeit überarbeiten wir noch den Text, insbesondere das Kapitels „4. Beantwortung der Forschungsfragen“.

Über Feedback im Allgemeinen und zur Darstellung der Evaluationsergebnisse im Speziellen sind wir deswegen sehr dankbar. Darüber hinaus suchen wir derzeit eine Zeitschrift, um die Evaluationsergebnisse möglichst vollständig veröffentlichen zu können. Angebote und Hinweise hierfür nehmen wir dankend entgegen.

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Infos Meinungen

Keine Bildung ohne Medien! – Resümee

Wie im letzten Blogbeitrag bereits angekündigt, war ich auf dem Medienpädagogischen Kongress mit dem Thema „Keine Bildung ohne Medien!“ in Berlin. Der erste Tag war sehr interessant und es hat viel Spaß gemacht unter der Leitung von Silvia Sippel und Alexander Florian in der AG „Medienbildung in der Hochschule“ mitzuwirken. In Vorbereitung zum Kongress wurden von der AG bereits 12 Statements erarbeitet, die hier zusammengefasst eingesehen werden können.

Wir waren ca. 25 Teilnehmer in der AG und so ergab es sich, dass wir in zwei Kleingruppen gut unsere medienpädagogischen Forderungen erarbeiten konnten. Während die eine Gruppe eher die Förderung von Medienkompetenz im Auge hatte, war ich in der Gruppe, die Mediendidaktische Forderungen erarbeitet hat. Schön war es am Ende des Nachmittags, dass wir die Forderungen (siehe AG Medienbildung in der Hochschule) der beiden Gruppen sehr gut vereinbaren konnten. Wir haben uns bemüht konkret zu bleiben, es hätte aber auch konkreter sein können. Leider war am Schluss nicht mehr so viel Zeit, dass wir den Text hätten schärfen können. Trotzdem denke ich, dass er elementare Aspekte enthält, um das Thema Medienbildung in der Hochschule vorwärts zu bringen.

Für mich als Mediendidaktiker war die starke Präsenz jener Kollegen nicht zu übersehen, die für die Vermittlung einer adäquaten Medienkompetenz einstehen. Wir Mediendidaktiker bildeten definitiv eine Randgruppe. Damit einher wurde auf der Tagung Mediendidaktik nicht wirklich thematisiert, womit der zweite Tag der Veranstaltung für mich nicht so attraktiv war. Ich mache hier niemandem einen Vorwurf, denn erfahrungsgemäß liegt es ja auch daran, dass die Mediendidaktiker sich nicht hinreichend eingebracht haben.

Über die Wirkung der Veranstaltung in der Öffentlichkeit kann ich nicht viel sagen. Mir fehlen die Erfahrungen über die Medienwirksamkeit solch eines Events, um mir ein Urteil bilden zu können. Ich habe aber mitbekommen, dass die Organisatoren die Ergebnisse gezielt Politikern und Journalisten zukommen lassen werden. So hoffe ich, dass unsere Forderungen gehört, gelesen und umgesetzt werden.

Danke an dieser Stelle den Veranstaltern, insbesondere Prof. Dr. Horst Niesyto, dem Sprecher der Initiative, für den unermüdlichen Einsatz!

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Keine Bildung ohne Medien!

Auch ich habe mich an dem medienpädagogischen Kongress „Keine Bildung ohne Medien!“ mit einem Beitrag beteiligt. Am 24.3.2011 werde ich meinen Beitrag für die AG „Medienbildung in der Hochschule“ in gekürzter Form vortragen. Der vollständige und schriftliche Beitrag kann hier als PDF heruntergeladen werden: Keine Lehre ohne digitale Medien! (582 KB)

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Dissertation online und/oder gedruckt!?

Am 1. Oktober 2010 hatte ich meine Verteidigung an der Universität der Bundeswehr (UniBW) in München. An dieser Stelle nochmal herzlichen Dank an meine Doktormutter Prof. Dr. Gabi Reinmann für die tolle Unterstützung und das entgegengebrachte Vertrauen!

Jetzt ist meine Arbeit veröffentlicht und das gleich zwei Mal. Zuerst hatte ich mich für die elektronische Publikation in der Bibliothek der UniBW entschieden. Das ist einfach, geht schnell und kostet nichts. Außerdem kann so jeder die Arbeit kostenlos herunterladen und damit arbeiten. Darüber hinaus ergab sich nach ein paar Wochen die Gelegenheit, meine Arbeit beim Verlag Werner Hülsbusch (vwh) in der Reihe E-Learning noch mal als gedrucktes Buch zu veröffentlichen. Im Zeitalter von Open Access stellt sich natürlich die Frage: Warum noch mal einen Verlag einbinden? Warum ein Buch drucken, wenn Download so einfach ist?

Ich kann beiden Varianten der Veröffentlichung etwas abgewinnen: Der Elektronischen aus den bereits genannten Gründen: Einfach, praktisch, billig und schnell. Auch ich habe während meiner Dissertation – aber auch als Student – gerne in elektronisch publizierte Dissertationen geschaut. Das ist praktisch, wenn einen nur ein Teilaspekt der Publikation interessiert (z.B. die thematische Eingrenzung oder das Forschungsdesign). Man hat einen schnellen Zugriff. Wenn man will druckt man sich die wichtigsten Inhalte aus und muss nicht das gesamte Werk kaufen oder leihen.

Will ich jedoch ein Buch gründlich lesen und dabei auch hin und her springen, dann finde ich es gedruckt und gebunden von der Handhabung her unschlagbar. Ich kann einfach einen Stift auf einer Seite liegen lassen, hinten blättern und schnell wieder vorne, z.B. in der Abbildung, was nachschauen. Darüber hinaus bleibt durch das Buch mein Rechner frei. Ich kann also Notizen in Word aufnehmen und habe dabei den Text trotzdem vor mir liegen. Beim Rechner müsste ich den PDF-Reader mit dem Text  wegclicken.

Auch hat ein Buch eine räumliche Dimension: Ich finde es im Regal schneller wieder als in meiner Ordnerhierarchie von PDF-Dokumenten (es steht nicht nur bei dem Thema XY sondern neben Z) und kann mir durch die Dicke besser merken, ob etwas am Anfang, in der Mitte oder am Ende stand. All diese physischen Erfahrungen habe ich mit einem PDF-Dokument nicht. Hinzu kommt, dass das lange Lesen an einem aktiv leuchtenden Bildschirm mühselig ist und die Körperhaltung nur bedingt geändert werden kann.

Der Hauptgrund aber, die Dissertation über einen Verleger (BTW: Ich kann den Verlag Werner Hülsbusch sehr empfehlen!) zu veröffentlichen, war, dass durch dessen Bewerbung sie auch an Personen herangetragen wird, die mich nicht kennen und/oder in dessen Kreisen ich mich nicht bewege. Darüber hinaus wird sie in der Reihe E-Learning veröffentlicht, so dass sie auch in den Kontext anderer  Arbeiten gestellt wird. Denn genau das ist es, was bei der Veröffentlichung auf dem Bibliotheksserver der UniBW nicht passiert.

So finde ich es immer noch sinnvoll Veröffentlichungen in Buchlänge auch zu drucken. Dem Leser steht es dann frei es am Bildschirm, auf dem iPad, auf dem Handy, ausgedruckt oder als gebundenes Buch – ob geliehen oder gekauft – zu lesen. Ich mache ungerne Prognosen, aber ich glaube das gedruckte Bücher uns in vielen Bereichen auch in Zukunft weiterhin beglücken werden. Abschließend stelle ich den an meiner Dissertation Interessierten vor die Wahl, online und/oder gedruckt (?):

  • Krüger, M. (2011) Selbstgesteuertes und kooperatives Lernen mit Vorlesungsaufzeichnungen: Das Lernszenario VideoLern – Eine Design-Based-Research-Studie. Verlag Werner Hülsbusch, Boizenburg
  • Krüger, M. (2010). Das Lernszenario VideoLern: Selbstgesteuertes und kooperatives Lernen mit Vorlesungsaufzeichnungen. Eine Design-Based-Research Studie. Download hier
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Paraguay: Universidad Catolica Nuestra Señora de la Asunción

Vom 28.2. bis zum 18.3. hatte ich eine Dienstreise der besonderen Art: Ich war an der „Universidad Catolica Nuestra Señora de la Asunción“ in Paraguay, im folgenden UC abgekürzt. Die Reise war Teil einer Anbahnungsmaßnahme für die bilaterale Kooperation in Forschung und Technologie mit dem Schwerpunkt Further Education und E-Learning, gefördert vom Internationalen Büro des BMBF. Die Zeit vor Ort war dicht gepackt mit dem Kennenlernen von Entscheidungsträgern (Präsident, Dekane, Institutsleiter), mit Vorträgen über die Mehrwerte von digitalen Medien in der Lehre sowie mit Diskussionen über mögliche Kooperationsinhalte und -ebenen. Ohne hier die lange Vorgeschichte zu erzählen sowie einen vollständigen Bericht über den Aufenthalt abzuliefern, hier meine Eindrücke zu Bildungsfragen:

  • Paraguay (6,4 Millionen Einwohner) hat in den letzten Jahren ein sehr gutes Wirtschaftswachstum von 7-10 %/Jahr hingelegt. Es wird im Fahrwasser von Brasilien mitgezogen, welches sich schon seit vielen Jahren wirtschaftlich stark entwickelt. Entsprechend steigt der Lebensstandard in Paraguay, es werden Fabriken aufgebaut und es wird exportiert. Das bedarf immer mehr gut ausgebildeten Nachwuchs, den das Land nicht hat. Es herrscht folglich ein Akademikermangel, den es zu begegnen gilt. Entsprechend hat sich die Zahl der Universitäten in den letzten 10 Jahren von 2 auf 20 verzehnfacht. Zum Teil sind es Universitäten, die aus dem Land heraus gegründet wurden, zum anderen Teil aber auch Universitäten, die aus den USA und Spanien kommen.
  • Universitäten sind überwiegend privat: In Paraguay gibt es nur eine öffentlich finanzierte Universität in der auch Forschung betrieben wird. Das ist die Universidad Nacional de Asunción. Alle weiteren Hochschulen sind privat oder wie im Fall der UC in kirchlicher Trägerschaft. Ob privat, kirchlich oder staatlich, ohne Studiengebühren geht es nicht. Für eine gute Universität sind 200 US$/Monat üblich, billigere Universitäten (die vom Niveau den Titel eigentlich nicht mehr verdienen) nehmen immerhin noch 70 US$/Monat. Die Finanzierung der Hochschulen ist somit entweder  selbsttragend oder gewinnorientiert.
  • Hochschullehrer an der UC verdienen Vollzeit ca. 1000 US$/Monat. Damit kann man in Paraguay leben, seine Kinder aber keineswegs auf eine Universität schicken. Dementsprechend arbeiten fast alle Lehrenden halbtags an der Universität, die andere Hälfte sind sie selbständig. Hier der monatlich – mehr oder minder – regelmäßige Geldfluss, dort die Möglichkeit mit Geschäften mehr Geld zu verdienen.
  • Distance Education hat in Paraguay eine hohe Akzeptanz: Ein Teil der Hochschulangehörigen hat ihre weiterführende Qualifikation (Master, Promotion) über diesem Wege erworben. Entweder in den USA oder in Spanien.

Vor diesen Hintergründen, die sich von unserem Bildungsgeschehen stark unterscheiden, bekommen Further Education und E-Learning einen ganz anderen Stellenwert. Dem Mangel an Akademikern muss über den Ausbau der Bildungskapazitäten, aber auch über die Weiterbildung des bestehenden Personals, begegnet werden. Da hierfür nur bedingt Geld vorhanden ist – das scheint sich von dt. Bildungssystem nicht zu unterscheiden 😉 – müssen Lösungen her, die kostengünstig sind.

Distance Education ist hierfür eine Lösung. Es spart an zwei Stellen finanzielle Ressourcen ein: A) Es müssen weniger Immobilien vorgehalten werden und B) es können auch Menschen aus dem Umland studieren, die kein Geld für das Leben am Studienort haben. Letzteres ist in einem Flächenland wie Paraguay ein sehr gewichtiges Argument. Denn wer sein gesellschaftliches Umfeld verlassen muss ist mit vielen Mehrkosten konfrontiert, die er Zuhause nicht hat, z.B. Unterkunft, Essen sowie Arbeitsausfall im familiären Betrieb.

Stellt man für E-Learning nicht den Anspruch an die IT-Infrastruktur, HD-Streaming in Echtzeit zu leisten, kann diese als hinreichend gewertet werden. Jede kleine Ortschaft hat heute ein gut funktionierendes Mobilfunknetz, welches auch den Internetzugang gewährleistet. Wer ganz weit auf dem Land wohnt, dem bleibt nur der Aufbau einer Richtfunkstrecke oder die Fahrt in den nächsten Ort. Grundsätzlich ist E-Learning also möglich.

Das sehen die Entscheidungsträger in den Hochschulen auch so. Einige private Universitäten haben bereits Studiengänge im Angebot (z.B. die Universidad Autónoma de Asunción), die UC steht da in den Startlöchern. Die Schwierigkeiten, die es zu meistern gilt, sind jedoch nicht von der Hand zu weisen. Es scheint, dass besonders die Lehrenden mit dieser Art der Lehre nicht klar kommen. Gründe sind einerseits in der mangelnden didaktischen Qualifizierung zu suchen, andererseits in den Einstellungen der Lehrenden. Meine Aufenthaltsdauer vor Ort war aber einfach zu kurz, um hier umfangreiche und verlässliche Erkenntnisse liefern zu können.

Darüber hinaus ist zu beobachten, dass US-amerikanische und spanische Universitäten versuchen den Bildungsmarkt zu erschließen. Hierfür verwenden sie natürlich E-Learning und es ist zu erwarten, dass sie das passende Know-how haben, um mit den Lerntechnologien auch erfolgreiche Bildungsangebote zu erarbeiten.

All diese Beobachtungen stärken meine Gedanken, die ich schon in einen älteren Blogbeitrag formuliert habe: Was ist, wenn „ein MBA-Studium aus Oxford, ein Englischstudium aus Indien oder ein Mathematikstudium aus Russland die Bildungsangebote deutscher Schulen und Hochschulen tangieren?“ Entwickelt sich dort abseits unserer Aufmerksamkeit mit digitalen Medien eine neue Hochschullandschaft, die uns irgendwann tangiert?

Wie wird es weiter gehen? Wir haben mit der UC einige mögliche Kooperationsinhalte und -ebenen besprochen. Die gilt es derzeit weiter auszuloten, d.h. wir sind auf der Suche nach einem Projektträger, damit wir unsere Vorhaben umsetzen können. Primär soll es hierbei um den Know-how-Transfer in der Medien- und Hochschuldidaktik von der Leibniz Universität Hannover zur UC gehen. Darüber hinaus bin ich gerne auch Ansprechpartner für jeden, der Interesse an der Zusammenarbeit mit der UC hat.

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Meinungen

Verlieren LMS im Web 2.0 an Bedeutung?

Dies war der Titel der 15. Ausgabe des WissensWert Blog Carnival von André Stöhr als Gastherausgeber. Da mir dieses Thema durchaus am Herzen liegt, habe ich mein Statement abgegeben und dies hier nochmal zusätzlich veröffentlicht:

„Wir haben diese Frage als eLearning Service Abteilung (elsa) der Leibniz Universität Hannover schon ein paar Mal diskutiert. Als Betreiber eines LMS ist sie ja nicht unerheblich. Hierzu zuerst unsere Beobachtungen:

Unser LMS hat mit einer aktiven Nutzung von 70% der Lehrveranstaltung und 90% der Studierenden (mind. einmal im Monat eingeloggt) eine gute und die bisher höchste Auslastung. Derzeit verzeichnen wir also eher einen Trend hin als ein weg vom LMS. Auf der anderen Seite stellten wir fest, dass früher die Studierenden deutlich mehr die Möglichkeit zur Erstellung eines Steckbriefs, aber auch die eingebauten Kommunikationsfunktionen (Chat, eMail, Forum) genutzt haben. Fakt ist, dass die Communitys von Studierenden auf StudiVZ und Facebook verlagert wurden. Solche Rückmeldungen haben wir von den Studierenden auch persönlich bekommen. (Auf den Report weiterer Beobachtungen verzichte ich an dieser Stelle für eine kurze Beantwortung der Frage.)

D.h. für uns, dass das Web 2.0 seinen Tribut schon gefordert hat! Wir verstehen die Frage also nicht als zukünftiges sondern als derzeitiges Phänomen. Das forciert zwei neue Fragen:

1) Wird der Trend auch andere Funktionen des LMS betreffen, so dass unser LMS überflüssig wird?

2) Sollten wir diesen Trend aufhalten?

Zu 1) Das LMS stellt für unsere Lehrenden und Studierenden einen zentralen Ort dar, in dem sie z.B. urheberrechtlich geschützte Lernmaterialien zum Download hoch- und runterladen, nach allen Lehrveranstaltungen an unserer Hochschule recherchieren oder Anmeldeverfahren zu Lehrveranstaltungen initiieren und absolvieren können. Eine Adresse für alle Belange, die mit der Lehre an unserem Standort verknüpft sind und einen gesicherten Raum im WWW bietet.

Wir glauben, dass diese Bündelung von Informationen und Diensten durch einzelne Web-2.0-Anwendungen im Internet nicht zu übertreffen ist. Sehr wohl glauben wir, dass die eine oder andere Anwendung sich zukünftig noch ins Web 2.0 verlagern könnte, da die Angebote dort attraktiver sind. Unser Wikiwiki ist rudimentär, durchaus denkbar, dass die Entwicklungen schneller laufen und neue Lösungen bieten werden, die wir so nicht bereitstellen können.

Zu 2) Sollten wir diesen Trend aufhalten? Njein: Nein dann, wenn wir auch mittelfristig nicht in der Lage sind nachgefragte Dienste anzubieten. Ich glaube, wir könnten das auch kaum aufhalten, die Trends laufen einfach schneller als wir reagieren können. Eher möchten wir hier laufenden Trends zuarbeiten. Derzeit entwickeln wir für unser LMS eine API über die mobile Apps und Gadgets zugreifen können und sich so dediziert Informationen aus unserem System ziehen können. Das würde der Gestaltung von PLE zuträglich sein. Der Student hat z.B. eine PLE, in der er sich alle LMS relevanten Informationen darstellen lässt, mit seiner Lerngruppe auf Facebook kommuniziert und auf Cobocards zugreift. Auf der anderen Seite diskutieren wir derzeit, ob man Facebook & Co. in das LMS einbinden sollte. Wenn ein Student möchte, kann er statt unseres Steckbriefs einen anderen einbinden. Die Lösung liegt nahe, es sprechen aber durchaus strategische (Wollen wir Facebook & Co. auch noch eine Werbefläche bei uns bieten?) und sicherheitstechnische Aspekte dagegen.“