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Design Thinking für die berufliche Bildung?!

Ich beschäftige mich seit Beginn meiner Mitarbeit am IBL mit der Frage, ob und wie Design Thinking in der beruflichen Bildung einen Nutzen entfalten kann. Zu diesem Zweck habe ich ein Seminar aufgebaut und inzwischen sieben Mal durchgeführt, in dem ich mit Studierenden Bildungsinnovationen erarbeite, am liebsten mit konkreten Fragestellungen aus berufsbildenden Einrichtungen. Inzwischen konnten wir für etliche Berufskollegs im Münsterland Beiträge liefern.

Über die gemachten Erfahrungen habe ich in einem JOTED-Beitrag sowie einer englischsprachigen Publikation berichtet, am 14.8.20 gibt es einen online Vortag zu diesem Thema von mir im Rahmen des fhuture-Programms, der frei zugänglich ist. Hierzu sind Sie/bist du herzlich eingeladen! Die Association for the Advancement of Computing in Education (AACE) hat mich darüber hinaus im Nachgang zu meiner Publikation interviewt und mir Fragen zu weiterführenden Arbeiten, aber auch konkrete praktische Erfahrungen, zu Design Thinking gestellt. Das englischsprachige Interview hat meine Mitarbeiterin Victoria Cejas ins Deutsche übersetzt und ist nachfolgend veröffentlicht. Das originale Interview kann hier abgerufen werden.

Design Thinking für deutsche Berufsschulen? Entdeckung eines innovativen Ansatzes durch das Testen in der Lehrerausbildung: Autoreninterview
Design Thinking bietet einzigartige Möglichkeiten zum Lernen in verschiedenen Bildungssituationen, einschließlich deutscher Berufsschulen, wie eine Studie von Marc Krüger belegt. In der Studie konnte Krüger Empfehlungen für Design Thinking an deutschen Berufsschulen geben sowie eine Schulung zum Design Thinking für Berufsschullehrer aufbauen. Er diskutiert diese Studie im Rahmen der aktuellen Ausgabe „Design Thinking for Education“ im DeGruyter Open Access Journal „Open Education Studies“.

Wie haben die Berufsschullehrer ihre Ausbildung im Design Thinking wahrgenommen? Wie haben die Studierenden ihre Erfahrungen mit Design Thinking wahrgenommen?
Die Studierenden erleben DT im ersten Moment als einen methodischen Bruch, weil sie meist sehr planungsorientiert ausgebildet wurden. Darüber hinaus ist es zuerst ungewohnt so eng in einem Team zusammenzuarbeiten. Im Verlauf der Challenges spüren sie dann jedoch die Wirkung der anderen Herangehensweise und messen ihnen einen hohen Wert zu.

Was bedeutet der Einsatz von Design Thinking im Bildungskontext im Allgemeinen? Was ist konkret mit deutschen Berufsschulen?
Das erste was wir lernen mussten war, dass wir für unsere Bildungsinnovationen erfahrungsgemäß nicht die eine großartige Idee identifizieren können, sondern dass meist viele gute Ideen zu einem größeren Konzept zusammengeführt werden müssen. Dies deutet sich häufig schon bei der Synthese an: Nicht eine Persona führt zu einer Bildungsinnovation, sondern häufig zwei, manchmal drei und – selbstredend – manchmal ist eine Persona als Darstellung des Problemraums nicht zielführend. Kreativphasen und die Erstellung von Prototypen laufen deswegen nicht linear ab, sondern die Teams oszillieren häufig zwischen diesen beiden Phasen hin und her. Für die Präsentation des Prototypens haben wir darüber hinaus die Erfahrung gemacht, dass die immanente Komplexität der Bildungsinnovation meist mehr als eine Darstellungsform, z.B. Rollenspiel und Mockup, diesen zugänglicher macht.

Auf welche praktischen Weise können Lehrer und Schulleitung beginnen, Komponenten des Design-Denkens in ihre Lehrpläne aufzunehmen?
Für uns stellt sich die Frage anders, denn das Curriculum wird im berufsbildenden Bereich vorgegeben. Hier können wir gut beobachten, dass mit jeder Novellierung von Lehrplänen eine Innovationskompetenz zunehmend eingefordert wird. Design Thinking ermöglicht es aus unserer Sicht diese Kompetenz in einer besonderen Art und Weise zu fördern. Hierauf bereitet unser Seminar unsere Studierenden systematisch drauf vor. Für in der Praxis stehende Lehrer empfiehlt es sich, sich selbst in DT ausbilden zu lassen. Ein Wochenendseminar ermöglicht es einem in die Rolle des Kreativen zu schlüpfen und eine (Bildungs-)Innovation zu erarbeiten. Für den Unterricht lassen sich inzwischen viele frei zugängliche Lernmaterialien identifizieren (z.B. Design Thinking for Educators), auch in der deutschen Sprache (z.B. Hopp Foundation und Bau deine Zukunft). Damit lassen sich Challenges mit Schülerinnen und Schülern gut durchführen.

In dem Artikel erwähnen Sie, dass für das Sommersemester 2020 ein neues Seminar geplant ist. Wie läuft das Seminar? Darüber hinaus erwähnen Sie, wie wichtig es ist, Follow-up-Bewertungen mit Berufsschulen hinsichtlich der Verwendung von Design Thinking in ihren Programmen durchzuführen. Haben Sie die Gelegenheit gehabt, eines dieser Follow-ups durchzuführen? Wenn ja, was haben Sie von ihnen gelernt?
Das Sommersemester 2020 ist speziell, weil es aufgrund der Corona-Pandemie als online Seminar durchgeführt werden musste. Das scheint erstaunlich gut zu gelingen, wobei für eine finale Bewertung die letzten beiden Sitzungen noch ausstehen. Tatsächlich hat sich auch die Befragung von Schülern und Lehrern über eine Videokonferenz als praktikabel erwiesen, weshalb wir sehr zuversichtlich sind, was die Qualität der Ergebnisse angeht. Die Follow-up Evaluation sind wir bis jetzt noch nicht stringent angegangen, haben aber immer wieder die Gelegenheit die Berufsbildenden Schulen zur Umsetzung der von uns erarbeiteten Bildungsinnovationen informell zu befragen. Aus diesen Gesprächen heraus lassen sich zwei Effekte benennen: Erstens, die Schulen benötigen recht viel Zeit die erarbeiteten Bildungsinnovationen umzusetzen, d.h. frühestens nach ein bis zwei Jahren entfaltet Design Thinking ihre Wirkung. Aus dieser Beobachtung heraus haben wir uns entschieden die Follow-up Evaluation noch abwarten. Der zweite Effekt betrifft die vorgestellte Bildungsinnovation an sich. Es scheint, dass die Schulen diese als Diskussionsgrundlage aufgreifen und entweder umformen oder weiterentwickeln, also mal mehr mal weniger verändern und so noch mehr auf ihre Bedürfnisse hin anpassen. Unsere Prototypen sind also alles andere als ein fertiges Produkt, sondern eher der Impulsgeber für Bildungsinnovationen. Vereinzelt werden unsere Prototypen auch nicht weiterverfolgt. Insgesamt offenbart die Follow-up-Frage nach wie vor ein spannendes Forschungsfeld.

An welchen Projekten arbeiten Sie gerade / freuen Sie sich?
Im Hinblick auf DT versuchen wir derzeit regional unsere Erfahrungen auszubreiten und die berufsbildenden Schulen von diesem Ansatz zu überzeugen. Darüber hinaus haben wir bei einigen Studierenden festgestellt, dass sie DT am Anfang sehr skeptisch gegenüberstehen, was die Teamarbeit belastet. Von 20 Studierenden sind das im Schnitt nur 2 Studierende, aber diese hemmen dann ein bis zwei Teams mit ihrer Challenge richtig loszulegen. Mit einem Persönlichkeitstest versuchen wir diese Studierenden zum Seminarbeginn zu identifizieren und ihnen ein entsprechendes Feedback zu geben. So hoffen wir sie zu einer konstruktiven Mitarbeit schon zum Seminarbeginn zu bewegen und den Start zu vereinfachen. Ob uns dies gelingen kann prüft derzeit eine Masterarbeit. Über DT hinaus beschäftigen wir uns seit einem Jahr mit Digital Flipcharts und wie diese kollaborative Lernprozesse im Seminar unterstützen können. Erste Ergebnisse haben uns jetzt sehr dabei unterstützt das DT-Seminar auch online anzubieten, denn die digitalen Werkzeuge auf den Flipcharts ließen sich gut für die online Teamarbeit aufgreifen.

Was steht als nächstes auf Ihrer Forschungs- und Veröffentlichungsagenda?
Die kommenden Publikationen werden die dargelegten Projekte der vorhergehenden Frage aufgreifen und die Ergebnisse zur Diskussion stellen.

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Lernen & Lehren

Mehrere Silvester doziert

In Emden, wo ich zuerst studiert habe – also korrekt an der Fachhochschule Ostfriesland, wie sie damals hieß – gab es einen Aufkleber mit einem gerupften Vogel der mit „Mehrere Silvester studiert“ tituliert war. Diese Erinnerung ist Grundlage des Titels für diesen Beitrag, in dem ich darlegen möchte, wie man sich nach 9 Semestern Lehre als Hochschullehrer fühlt: Nun, wie bringe ich es auf den Punkt? Gut und gerupft zugleich. Aber eins nach dem anderen:

Ich hatte mich in Coburg nach 4 Semestern gerade eingelebt und am Aufbau eines neuen Studiengangs mitgewirkt, da ging es schon nach Münster. Hier hat sich mein Lehrgebiet nochmal völlig neu ausgerichtet, weil ich mit der Technikdidaktik sowie der beruflichen Lehrerbildung in Coburg wenig zu tun hatte. Von geschätzten 15 (ein wenig konnte ich aus Coburg aufgreifen) auf 100 % hatte ich 18 SWS Lehre in jeweils unterschiedlichen Modulen zu leisten, weil kein Seminar hier zweimal gehalten wird. Darüber hinaus war ich in den letzten Jahren überwiegend in der Mediendidaktik unterwegs, so dass ich einige Entwicklungen aus der Technikdidaktik sowie der Beruflichen Bildung nachholen musste. Ein großer Kraftakt, wenn man viel Lehre neu aufbauen und durchführen muss. Zwar habe ich jetzt nach 5 Semestern in Münster meine Seminare stehen, aber damit es meinen Ansprüchen genügt, fehlt immer noch einiges, bis ich sagen kann: Ich bin zufrieden.

Ehrlich gesagt, gehe ich davon aus, dass ich noch ein paar Semester dafür benötige, vielleicht 3 oder 4. Ich denke dann immer, warum dauert das so lange, als Hochschullehrer hast du doch „nur“ 30 Wochen Lehrveranstaltungen pro Jahr? Dann muss ich darüber schmunzeln, wenn ich mich daran erinnere, was ich als Student gedacht habe: Mensch, super, die haben 5 Monate im Jahr frei. Pustekuchen. Stattdessen gilt es in der lehrveranstaltungsfreien Zeit Prüfungen durchzuführen und zu benoten, Hausarbeiten zu lesen und zu bewerten, Studienabschlussarbeiten zu betreuen und zu bewerten, Praxissemester zu begleiten, (Re-)Akkreditierung abzuwickeln, Kontakte in die Berufskollegs zu suchen und zu pflegen, Projektanträge zu schreiben, Projekte durchzuführen, Studiengänge und Institut weiterzuentwickeln, Beiträge zur Wissenschaftscommunity beizusteuern und natürlich auf dem aktuellen Stand der Dinge zu bleiben, indem man liest oder auch mal auf eine Tagung fährt (Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Urlaub plane ich inzwischen weit im Voraus und habe von privater Seite währenddessen Arbeitsverbot, weil ich anfangs regelmäßig den Urlaubsbeginn verschoben habe und dann noch mit Arbeitsgepäck losgefahren bin. Ich bin dankbar, dass meine besser Hälfte limitierend eingreift.

Eine Erkenntnis, die über die Semester gereift ist: Viel Lehre ist anders als wenig Lehre. Ich habe viele Jahre an der Leibniz Universität Hannover gelehrt und das waren meist 2 SWS und mal eine Studienabschlussarbeit nebenbei. Hier habe ich formal 18 SWS wovon ich 5 themenbezogen Seminare durchführe, das Praxissemester, Examenskolloquium und Studienabschlussarbeiten betreue sowie dem Prüfungsamt vorstehe (letzteres ist keine Lehre, klar). Die vielen anderen Aufgaben habe ich bereits aufgelistet. Es ist schlichtweg nicht möglich sich in diesem Rahmen so auf die Studierenden einzulassen, wie man das mit 2 oder 4 SWS leisten kann. Diversität leben? Schöne Idee, sie kommt aber sehr schnell an ihre Grenzen. Trotzdem versuche ich jeden Einzelnen im Blick zu behalten und wenn ich merke, dass jemand mit seinem Studium hadert, suche ich das Gespräch und versuche bei einer Entscheidung zu unterstützen. Klar, am liebsten soll sie oder er bei uns weiterstudieren, aber manche Menschen sind hier auch einfach nicht richtig aufgehoben. Die Gespräche bringen erfahrungsgemäß viel, weil die Leute dann meist sehr motiviert weiterstudieren, selten bricht eine/r ab. Auch bringt es einiges, wenn jemand mit einer – wie soll man sagen – schwierigen Haltung studiert, z.B. immer nur auf „quick and dirty“ setzt. Über die Semester verändert sich aber auch der Blick, den man auf die Studierenden hat. Man lernt sie schneller einzuschätzen und – ja, ich gebe es zu – jede/r Einzelne wird eine/r von vielen, die man im Laufe der Zeit kennengelernt hat. Nachfolgende Abbildung von PHD Comics bringt es gut auf dem Punkt, wobei ich trotzdem versuche, jedes Individuum im Blick zu halten (besonders bei „meinen“ Technikern). In den größeren Seminaren bin ich aber längst beim Punkt „A Bell Curve“ angekommen. Muss man sich dafür schämen? Ich glaube es ist unvermeidbar, man sollte nur nicht so mit den Studierenden umgehen sondern jeden persönlich und auf Augenhöhe behandeln.

Quelle: https://twitter.com/phdcomics/status/977616951718670336

Über all die vielen Aufgaben macht es mir Spaß, als Hochschullehrer zu arbeiten und es ist abwechslungsreich und spannend zugleich. Man könnte einiges effizienter machen, es würde dann aber auf die Qualität gehen. Gerade die Lehre bietet das größte Optimierungspotenzial, wenn man nicht noch mal die x-te Rückmeldung z.B. zu einer Studienleistung gibt. Auf der anderen Seite merkt man, dass eine gute Betreuung der Studierenden zu guten Leistungen führt, die dann wieder Beiträge für die Wissenschaftscommunity vorbereiten oder unterstützen können. Auch bin ich der Meinung, dass wir als LehrerInnenbildner eine gute Lehre vorleben sollten. Denn was bringt es, wenn ich hier theoretisch darlege, wie guter Unterricht aussieht, dies aber selber nicht einlöse. Dann habe ich zwar das Wissen vermittelt, das Können sowie die passende Haltung jedoch nicht gefördert. LehrerInnenbildung beinhaltet also große Verantwortung und dafür darf man sich am Ende des Semesters auch gerupft fühlen 😉