Video Literacy & Videos annotieren

Seit Verbreitung des Films zum Ende des 19. Jahrhunderts durch die Erfindung des Cinematographen hat dieser viele Evolutionen durchlaufen: 1927 wurde der erste Tonfilm angeboten, 1937 fand der Farbfilm den Weg in die Öffentlichkeit, ab Ende der 1960er Jahre verbreitete sich der Fernseher in der Bevölkerung. Während die Bevölkerung Anfangs nur wenige öffentlich-rechtliche Sender empfangen konnte wurde die Vielfalt durch private Fernsehsender ab 1984 vervielfacht. Zeitgleich fand der Videorecorder Verbreitung und ermöglichte es erstmals selbst zu wählen, wann und was für Filme gesehen werden. Ab Mitte der 2000er Jahre breitete sich das Video im Internet aus. Dies führte zu einer nicht gekannten Auswahl an Videos, denn während sich vorher alles um die zentrale Distribution von Filmen drehte, konnte auf einmal jeder ein Video im Internet publizieren und weltweit zugänglich machen. Das Equipment dafür lieferte das Jahrtausend gleich mit: Quasi jeder hat einen Computer und Zugang zum Internet. Mobilfunktelefone liefern schon im mittleren Preissegment für viele Zwecke verwertbare Videoaufnahmen.

Warum bediene ich mich solch eines technisch-historischen Einstiegs? Ich möchte auf die grundsätzlich veränderte Rolle des Films in unser Gegenwart aufmerksam machen: Während ich in meiner Jugend das Fernsehen, das Kino und den “Film in Wissenschaft und Unterricht” als ausschließliche Quelle des Films kennengelernt habe, sind unsere Studierenden heute anders Medien-sozialisiert. Neben dem Film als künstlerisches oder journalistisches Produkt, welches dem Konsum, der Information oder dem rezeptiven Lernen dient, sind sie mit der Möglichkeit groß geworden, selber Videos zu produzieren und zu publizieren. Die Liste ihrer Produkte ist lang: Sportliche Leistungen werden gefilmt und für dessen Nachahmung analysiert, Videos über Stricken zeigen die neusten Maschen und Mofatuning-Anleitungen finden sich im Internet genauso wie politische Diskussionen von schulischen Gruppen über aktuelle Ereignisse.

Das Video hält oft jene Ereignisse einfach fest, die Schrift-sprachlich aufwändig aufbereitet werden müssten. Außerdem ist ein Video authentisch, einfach nachzuvollziehen und transportiert Emotionen. Es ist eine Möglichkeit die Welt zu beschreiben, wie sie ist, wie sie war und wie sie sein könnte. Neben Rechnen und Lesen gilt für mich das Produzieren und Rezipieren von Videos heute als Kulturtechnik im weiterem Sinne. Frank Vohle hat hierfür den Begriff „video literacy“ vorgeschlagen, der gefällt mir.

Was umfasst solch eine „video literacy“? Hier könnte man sich den klassischen Taxonomien der Mediendidaktik bedienen, z.B. Baake. Ich will es aber bei den zwei schon geschriebenen Dimensionen belassen: a) Produzent: Ich kann einen Sachverhalt so in Szene setzen, produzieren und publizieren, dass die Intention sich bei meiner Zielgruppe (Rezipienten des Videos) entfalten kann. b) Rezipient: Ich kann die videographierte Darstellungsform (im Sinne einer Filmsprache) auf ihre Intention hin deuten und mich mit dem Video alleine oder mit anderen auseinandersetzen.

Wie eine kritische Auseinandersetzung mit Videos in der Lehre aussehen kann, damit beschäftigen wir uns gerade mit den Ghosttinkern. Denn die für eine gute Interpretation notwendige Diskussion über ein Video ist deutlich mühseliger als über mathematische oder Schrift-sprachliche Dokumente. Jede Rechnung auf einem Blatt Papier kann einfach nachvollzogen, annotiert und/oder korrigiert werden. Texte können nach dem gleichen Verfahren von Studierenden Zuhause gelesen und für die Diskussion aufbereitet werden. Videos hingegen lassen sich gewöhnlich nicht annotieren. Die einzige Möglichkeit ist es sich Zeitmarken herauszuschreiben und diese wieder aufzurufen. Deswegen setzen wir edu|break von den Ghostthinkern ein um Studierenden die Möglichkeit zu geben, intensiv mit Annotationen über ein Video diskutieren zu können. Ziel ist es so Lerninhalte aus Videos einerseits besser erschließen zu können, andererseits bei den Studierenden eine „video literacy“ zu fördern, die den Anforderungen der digitalen Wissensgesellschaft gerecht wird. Die ersten Erfahrungen damit fassen wir gerade in einen GMW Beitrag zusammen.

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3 Kommentare zu “Video Literacy & Videos annotieren
  1. Frank Vohle sagt:

    Hallo Marc!

    Danke für deine Anmerkung, vielleicht noch einen Zusatz: Mir war im Gespräch mit dir gar nicht bewusst, dass es den Begriff „Video Literacy“ noch nicht gibt ;-). Aber im Zusammenhang mit unserem Projekt sollte vor allem deutlich werden, dass der Interpretationsprozess herausfordernd ist. Und die Interpretation ist ja mit der (technischen) Annotation eng an die Produktion von Textkommentaren, also der Verbalisierung von Gedanken, gebunden: Ich sehe ein Video, sage, DIESE Stelle ist relevant (warum genau diese?), stoppe das Video und verbalisiere dann meine Gedanken (Was sehe ich? Wie ist die Szene kausal eingebunden? Mit welchen mentalen Modell, welcher Brille „sehe“ ich überhaupt? Was hat das, was ich sehe mit mir selbst oder Kriterien einer Theorie zu tun? Welche Fachbegriffe verwende ich zur angemessenen Beschreibung? Formuliere ich so, dass meine Berufscommunity mich verstehen kann?). Mit dem „STOPP“ werde ich zum Akteur, zum einen auch für andere sichtbaren Interpreten. Genau in diesem Akt steckt viel didaktisches Potenzial, aber eben auch eine Herausforderung an die Lehre, wie man es einbettet, begleitet und prüft. Es steht also genug auf dem Zettel, vielleicht können wir ein paar Ideen und Ergebnisse im geplanten Artikel festhalten.

    Frank

  2. marckrueger sagt:

    Hi Frank,

    ich hab eine kurze Google-Recherche gemacht, nicht aber in den einschlägigen Suchmaschinen für wissenschaftliche Publikationen (FIS, ACM, …) gesucht. Bei diesem groben Blick gab es zwar eine Verwendung des Begriffs, jedoch in einer sehr unreflektierten Weise. Mal stand er im Zusammenhang mit der Ausbildung von Mediengestaltern, mal eher als Kompetenz Videos reflektiert zu rezipieren. Eine ganzheitliche Betrachtung sowie diesen Begriff als Kulturtechnik einzuordnen habe ich nicht gefunden. Sollten wir mal genauer recherchieren, dann für uns fassen und in die Breite tragen?

    Deine Anmerkungen zum Umgang mit den Videos finde ich übrigens sehr gut. Es kommt auf die Handlung der Lernenden an und das, was dabei in ihren „Köpfen“ geschieht. Nur so wird ein kognitiver Prozess angestoßen der das Lernen mit dem Video auf eine bisher kaum bekannte Art und Weise ermöglicht. Wie du sehe ich hier ein besonderes Potenzial für das Lernen im Allgemeinen sowie für die Hochschuldidaktik im Besonderen (als didaktischer Ansatz zur Qualitätsverbesserung der Lehre).

    LG Marc

  3. marckrueger sagt:

    Nachtrag: Inzwischen sind die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit mit Frank Vohle, Ralf Steffen und Johannes Metscher auf der GMW-Fachtagung veröffenlicht worden:

    Krüger, M., Steffen, R., Vohle, F. (2012) Videos in der Lehre durch Annotationen reflektieren und aktiv diskutieren. In: Csanyi, G., Reichl, F., Steiner, A. (Hrsg.) Digitale Medien – Werkzeuge für exzellente Forschung und Lehre. Waxmann Verlag, Münster. http://www.waxmann.com/?eID=texte&pdf=2741Volltext.pdf&typ=zusatztext

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