ZEITLast: 23 Zeitstunden Studium pro Woche?

Wir hatten am 6.5.11 die Ehre Prof. Rolf Schulmeister auf unserer Tagung „Gute Lehre, gutes Lernen“ zu Gast zu haben. Seine Anwesenheit war mit einer spannenden Keynote über das Thema „ZEITLast“ gekrönt. Schulmeister hat dort ausgiebig über die Ergebnisse jener BMBF-Studie berichtet, welche die tatsächliche zeitliche Inanspruchnahme des Studiums bei Studierenden erfasst hat. Die vielen interessanten Ergebnisse der Studie werden von einem zentralen Ergebnis überschattet: Gemäß der Studie studieren unsere Studenten im Schnitt 23 Zeitstunden pro Woche – deutlich weniger als vermutet. Mehr Infos zur Studie finden sich hier:

Schulmeisters Beitrag hat mir sehr gut gefallen, schließlich ist er ein toller Redner und die Offenlegung der Forschungsmethode schafft Übersicht. Die tägliche und dedizierte Erfassung der Lernzeit bei den Studierenden lässt auf ein solides Forschungshandwerk schließen. Ich vertraue folglich den vorgelegten Ergebnissen, zumal mir die Probleme der Studienzeiterfassung bei Studierenden aus eigenen Untersuchungen bekannt sind.

Ich möchte in diesem Beitrag aber nicht die Studie von Prof. Rolf Schulmeister, Christiane Metzger und weiteren Forschern wiedergeben, sondern danach fragen, was heißt es eigentlich 23 Zeitstunden pro Woche zu studieren? Ist studieren nur ein Halbtagsjob mit viel Freizeit?

Die Studie selbst zeigt sehr deutlich, dass unsere Studierenden das Studium als aufwändiger als 23 Zeitstunden pro Woche empfinden. Konfrontiert mit ihrer eigenen Lernzeiterfassung sind sie irritiert, da sie intuitiv deutlich mehr Zeit angegeben hätten (das ist im Übrigen jene Lernzeit, die von anderen Studien oft erfasst wird). Sie empfinden das Studium als Belastung, ja mintunter als äußerst stressig.

Denke ich an meine eigene Studienzeit, die ich ebenfalls durchaus als anstrengend empfunden habe, erinnere ich mich an einen Tag im zweiten Semester an dem wir 8 Unterrichtsstunden in Folge eine Mathematikvorlesung hatten. Das sind reell 6 Zeitstunden. Ich kann von mir und meinen Kommilitonen berichten: Danach geht nichts mehr. Bereits der vorletzte Vorlesungsblock ist mühselig, es bedarf einer äußersten Anstrengung den Ausführungen des Lehrenden zu folgen. Nach solch einem Tag haben wir nicht mehr gelernt.

Es scheint folglich so zu sein, dass die kognitive Belastung beim Lernen eine andere ist als einer routinierten Tätigkeit nachzugehen, ähnlich wie das Fliegen eines Überschallkampfflugzeugs oder das Unterrichten in der Schule. Denn beim Lernen müssen kognitive Strukturen verändert werden. Die Schlafforschung gibt uns Hinweise dazu, dass bei Lernenden im Säuglingsalter, aber auch bei Erwachsenen, Höchstarbeit geleistet wird.

Für mich stellen sich folglich andere Fragen: Was ist die kognitive Belastung, die Studierende ertragen? Führt diese zu nachhaltigem Lernen? Wie können wir die kognitive Belastung ggf. reduzieren – möglichst ohne auf Lernziele zu verzichten. Was heißt dies für die Lehre an einer Hochschule? Ein schlichter Vergleich der 23 Zeitstunden Lernzeit pro Woche mit einer tariflichen 40 Stundenwoche halte ich deswegen für abwegig.

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2 Kommentare zu “ZEITLast: 23 Zeitstunden Studium pro Woche?
  1. Student sagt:

    Sehr geehrter Herr Krüger,
    vielen Dank für diese sehr studentennahe Sicht auf die Studie von Herrn Schulmeister, die mich persönlich doch auf den ersten Blick sehr verwundert hat. Sind wir Studierende also (und so lese ich – in Teilen – den Zeit-Artikel) faule Blender? Beschweren wir uns in der Zeit, in der wir eigentlich studieren sollten?

    Sie stellen meiner Meinung nach genau die richtigen Fragen an die Studie. Wieso gehen die subjektive und die objektive Studienbelastung so weit auseinander?

    Zum einen liegt das sicherlich daran, dass (und auch darauf weist die Zeit fairerweise hin) die meisten Studenten neben ihrem Studium arbeiten. Ihre Wochenarbeitszeit lässt sich also in den wenigsten Fällen auf 23 Stunden festlegen, denn dazu kommt in den meisten Fällen noch die Tätigkeit als Hilfskraft oder in Minijobs. Viele würden es trotz Bafög gar nicht schaffen, das Studium zu finanzieren.

    Ein anderer Punkt ist die von ihnen genannte Belastung durch die Vorlesungen und Seminare. Vier Veranstaltungen am Tag, das heißt zwar faktisch gesehen sechs Stunden lernen. Aufgrund der langen Wege zwischen den einzelnen Räumen und weiterer Verpflichtungen (Besprechungen mit Professoren oder Kommolitonen, kurze Bibliotheksbesuche, etc.) ist die halbe Stunde allerdings nur selten als Pause zu betrachten. Die Erholung kann also nur in den seltensten Fällen während des Aufenthalts in der Uni stattfinden. Sie muss auf zu Hause verschoben werden – und geht somit von der Lernzeit ab.

    Für den wichtigsten Punkt halte ich aber folgenden: Ich kann – zumindest als Geisteswissenschaftler – gar nicht genau sagen, wann ich lerne und wann nicht. Ist das Studium nicht ein allgemeiner Lernprozess für das Leben? Ist nicht genau das der Grundgedanke der Universität?
    Vielleicht sehe ich das ganze zu idealistisch, vielleicht suche ich auch zu intensiv nach Entschuldigungen für die Studentenschaft. Aber die Folgen daraus sind pragmatisch: Gilt die Lektüre eines Zeitungsfeuilletons als Arbeitszeit für mein Studium? Schließlich beschäftige ich mich mit dem Gegenstand meines Fachs. Was ist mit sonstiger Lektüre, die über das hinausgeht, was mir der Dozent vorschreibt?

    Ich sehe mich selbst als Student – und zwar nicht nur dann, wenn ich in der Uni bin oder zu Hause über den Büchern sitze. Das Studium ist so viel mehr als die Masse der Minuten, die ich mich mit meinem Fach beschäftige. Es ist ein Reifeprozess, der das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden sollte. Ob ich dafür 23 oder 60 Stunden in der Woche arbeite, sollte eigentlich nicht Gegenstand der Diskussion sein.

    Mit freundlichen Grüßen,
    ein Student

  2. Studium sagt:

    Das nenne ich mal einen Beitrag zum Thema Studium. Danke dafür und weiter so. Viele Grüße, Rebekka.

1 Pings/Trackbacks für "ZEITLast: 23 Zeitstunden Studium pro Woche?"
  1. […] Ich möchte hier auf einen eigenen Blogbeitrag zur Studie ZEITLast von Prof. Schulmeister aufmerksam machen: Link […]

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