Ingenieurs- contra Bildungswissenschaften (1/3): Staatliche contra marktwirtschaftlicher Gesetze

Aus meiner Rezension des Buches „Der Nutzen wird vertagt …“ geht mir eine Aussage von Gabi Reinmann (Beitrag: „Innovationskrise in der Bildungsforschung“, S. 198-220) immer wieder durch den Kopf: Die Ingenieurwissenschaften haben gezeigt, wie erfolgreich eine verwertende Wissenschaft, basierend auf den Naturwissenschaften und der Mathematik, sein kann. Klar, dass diese Aussage mich besonders anspricht, denn ich bin über den Weg eines Ingenieursstudiums zur Berufspädagogik gekommen. Damit nicht genug, meine ersten 6 Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter habe ich u.a. in der Elektrotechnik am Institut für Kommunikationstechnik verbracht. Dort bin ich besonders mit der Lehre, aber auch mit der Forschung der Ingenieurswissenschaften, in Berührung gekommen. Noch heute halte ich dort eine Lehrveranstaltung.

Entsprechend kann ich der Argumentation von Gabi Reinmann gut folgen. Es stimmt, die Ingenieurswissenschaften haben ein gutes Standing: Das Studium gilt als schwer, wer es absolviert hat, gilt als intelligent und fleißig. Aus welchen Erkenntnissen speist sich eigentlich dieses Verständnis? Sicher aus dem, was die Ingenieurswissenschaften für die Gesellschaft sichtbar beigetragen haben und heute noch leisten: Ein Auto vor 100 Jahren ist mit einem heutigen Auto nicht mehr zu vergleichen (Bequemlichkeit, Verbrauch, Geräusch- und Schadstoffemission, Sicherheit, Preis, …). Ebenso die Kommunikationstechnik (1878 wurden die ersten Telefone entwickelt; 1969 Erfindung des Internets und 1993 des World Wide Webs) oder die Bautechnik (Passiv-Energie-Haus; 800 Meter hohe Wolkenkratzer). All diese Errungenschaften haben unser Leben nachhaltig verändert. Wir sind mobiler geworden, kommunizieren selbstverständlich über den gesamten Planeten hinweg und wohnen in wohl temperierten und komfortablen Gebäuden.

Aber wie verhält es sich mit den Innovationen der Bildungswissenschaften über diesen Zeitraum? Die Kreidetafel hängt noch an der Wand, feste Unterrichtseinheiten von 45 Minuten und Halbjahresrythmen teilen die Lerninhalte in kleine Häppchen auf und die Unterrichtsformen haben sich wenig geändert (noch immer domminiert in vielen Bereichen der Frontalunterricht). Ja, ein Beamer hat Einzug gehalten und vielleicht ein LMS, aber das hat das institutionalisierte Lernen nicht wesentlich verändert. Ein (Hoch-)Lehrer aus den Anfängen des 20 Jahrhundert könnte heute ohne groß dazuzulernen seinen Unterricht wieder aufnehmen. Für einen Ingenieur ist das in weiten Teilen undenkbar.

Ich möchte mit diesem Text den Beitrag von Gabi Reinmann jedoch nicht wiederholen, sondern auf einen – aus meiner Sicht sehr wichtigen – Sachverhalt aufmerksam machen. Losgelöst von einer forschungsmethodischen Diskussion möchte ich auf einen äußeren Umstand hinweisen, der meiner Meinung nach ebenfalls Ursache dafür ist, dass sich Innovationen in den Bildungswissenschaften nur schwerlich durchsetzen: Bildungsangebote unterliegen überwiegend staatlichen, die Produkte der Ingenieure überwiegend marktwirtschaftlichen Gesetzen. Es stehen monopolistische Strukturen (der Staat bestimmt das Geschehen) einem pluralistischen Wettbewerbsgeschehen gegenüber. Dieser Unterschied manifestiert sich in vielen Situationen, von denen ich hier zwei exemplarisch hervorheben möchte:

  1. Die Produkte der Ingenieurswissenschaften unterliegen einem permanenten Wettbewerb: Nur wer gute und bezahlbare Produkte herstellt kann sich behaupten. Die Notwendigkeit für Innovationen ist damit vielschichtig. Qualität (z.B. längere Haltbarkeit), neue Funktionen sowie geringere Produktionskosten sichern die Wettbewerbsfähigkeit am Markt und damit die eigene Existenz. Investitionen in Forschung und Entwicklung sind damit überlebenswichtig. Die überwiegend staatliche Bildung ist von diesem Innovationsdruck befreit. Weder die Qualität noch die Kosten müssen sich ernsthaft im Wettbewerb behaupten.
  2. Die Akteure der staatlichen Bildung unterliegen zentralistischen Regelungen: Gruppengrößen, Unterrichtsformen (45 Minuten Unterrichtseinheiten, Präsenzpflicht), Lerninhalte sowie Personal- und Mittelausstattung folgen festen Vorgaben. Selbst wenn eine Bildungseinrichtung sein Bildungsprodukt optimieren wollte, ihr Handlungsspielraum ist klein. Effizientere Unterrichtsmethoden, andere Aufgaben der Lehrenden, bessere Einteilung des Tagesablaufs, Bereitstellung digitaler Medien, Unterrichts-freundliche Möbel und Immobilien unterliegen nur geringfügig ihrem Einflussbereich.

Fortsetzung folgt…

Getagged mit: ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*