Gabi Reinmann / Joachim Kahlert: Der Nutzen wird vertagt …

Bildungswissenschaften im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Profilbildung und praktischem Mehrwert

Gabi Reinmann und Joachim Kahlert stellen in ihrem Band Aufsätze vor, die das schwierige Verhältnis der Bildungswissenschaftlichen Forschung mit der Bildungspraxis beleuchten. Ausgangspunkt des Diskurses ist die These, dass Grundlagenforschung kleinteilig die Einflüsse auf den Lehr-/Lernprozess dokumentiert, der praktische Mehrwert für Lehrende jedoch oft auf der Strecke bleibt. Es wird festgestellt, dass für die Bildungswissenschaften keineswegs ein Forschungsdefizit, sondern vielmehr ein Umsetzungsdefizit der Forschungsergebnisse zu konstatieren ist. Die Ursache für dieses Problem sehen die Autoren in der Wissenschaft selbst: Eine Anerkennung der Leistungen in der Wissenschaftscommunity gibt es nur für empirische Forschungsergebnisse, Ergebnisse, die der Bildungspraxis dienen – auch wenn sie mit wissenschaftlichen Methoden erarbeitet wurden – finden wenig Anerkennung. Dies zieht sich durch alle Dimensionen des Wissenschaftsbetriebs, von der Forschungsförderung bis zur Berufung von Nachwuchswissenschaftlern. Entsprechend finden Wissenschaftler, die sich der Bildungspraxis zuwenden, wenig Anerkennung in der Forschung.

Der Sammelband fasst auf 223 Seiten insgesamt elf Beiträge. Neben den Herausgebern äußern sich Ewald Kiel, Rolf Arnold, Dieter Euler, Dominik Petko, Titus Guldimann, Robin Stark, Heinz Mandl, Petra Herzmann, Cort-Denis Hachmeister, Ulrich Fahrner, Antony Unwin, Theo Hug, Norm Friesen und Liam Rourke zur beschriebenen Problematik. Die Autoren beschränken sich dabei nicht nur auf die Problemanalyse, sondern zeigen unterschiedliche Lösungsvorschläge für praxisorientierte Bildungsforschung, die sie zum Teil seit Jahren selbst praktizieren, z.B. Starck, Mandl & Herzmann: „Ein integrativer Forschungsansatz zur Überbrückung der Kluft zwischen grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung“. Mehrere Autoren nennen darüber hinaus Design-Based Research als einen internationalen Forschungsansatz, welcher der diskutierten Problematik der Bildungsforschung begegnen kann (Hug, Friesen, Rourke & Reinmann). Gabi Reinmann fordert abschließend die Bildungswissenschaften nicht nur an den Idealen naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Forschung auszurichten, sondern sich auch an der ingenieurswissenschaftlichen Forschung zu orientieren. Denn die Ingenieurwissenschaften haben gezeigt, wie erfolgreich eine verwertende Wissenschaft, basierend auf den Naturwissenschaften und der Mathematik, sein kann.

Die Ausführungen der renommierten Pädagogen lesen sich spannend, werfen unterschiedliche Perspektiven auf die fokussierte Problemstellung und zeigen verschiedene Lösungsansätze. Die Sprache ist klar, die Argumentationen schlüssig und ergebnisorientiert. Die Bedeutsamkeit des Themas macht dieses Buch zu einem Muss für jeden, der in der Bildungswissenschaft tätig ist.

Getagged mit: , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*